Einigkeit und Recht und Freiheit…

Diese Worte sollten wohl eigentlich jedem bekannt sein, was wohl auch der Fall sein dürfte, werden diese Worte doch bei jedem Fußball-Länderspiel mit deutscher Beteiligung, auf vielen Schützenfesten und bei anderen Veranstaltungen gespielt. Aber ist auch die Bedeutung dieser Worte bekannt, oder hat man zumindest mal drüber nachgedacht? Ich habe den Eindruck, dass das bei vielen leider nicht der Fall ist. Sicher, die Bedeutung dieser Worte hat sich teilweise im Laufe der Jahre teilweise geändert – an die Situation angepasst – aber im Grunde ist sie doch gleich geblieben.

Machen wir eine kleine Reise in die Geschichte unseres Landes: Wir schreiben das Jahr 1841.

Hoffmann von Fallersleben schreibt „Das Lied der Deutschen“, die dritte Strophe dieses Liedes beginnt mit „Einigkeit und Recht und Freiheit“. Wenn man sich die politische Situation dieser Zeit vor Augen hält, versteht man die Bedeutung dieser Worte. Ein „Deutschland“ gab es zu dieser Zeit noch nicht, es existierte nur ein lockerer Zusammenschluss vieler einzelner Königreiche, (Groß-)Herzogtümer und Grafschaften. Der Wunsch der einzelnen Völker sich zu einem Reich zusammen zu schließen existierte schon seit längerem. Als Vorbilder dienten hier viele andere europäische Staaten, wie zum Beispiel Frankreich oder die Schweiz, die schon wesentlich länger existierten. Aus diesem Wunsch entstammt die Einigkeit in der dritten Strophe des Deutschlandliedes.

Gegen Ende des Unabhängigkeitskrieges der USA 1776 wurde am 4. Juli die „Declaration of Independence“ die Unabhängigkeitserklärung verabschiedet. Diese Erklärung räumte der Bevölkerung gewisse Rechte ein, welche unveräußerlich sind, darunter die Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetz und Freiheit. Eine Art zweite Version wurde 1848 von der französischen Nationalversammlung verabschiedet. Diese beiden Dokumente kann man als die Vorgänger der Menschenrechtserklärung und auch der ersten 19 Artikel unserer Verfassung betrachten. Aber zurück in das Jahr 1841. All diese Rechte und Freiheiten waren eher die Ausnahme als die Regel in vielen Gebieten des „Deutschen Bundes“. Daraus resultieren Recht und Freiheit am Anfang der dritten Strophe.

Gehen wir ein paar Jahre weiter in der Geschichte: Wir schreiben das Jahr 1848.

In Frankreich kommt es zur Revolution, welche kurze Zeit später auch auf Teile des Deutschen Bundes übergreift. Von den Revolutionären wird unter anderem auch das Deutschlandlied gesungen, in dem sie in der dritten Strophe ihre Wünsche und Hoffnungen zum Ausdruck bringen. Die Revolution wurde jedoch 1849 gewaltsam von preußischen und österreichischen Truppen niedergeschlagen.

Noch mal ein paar Jahre später: Wir schreiben das Jahr 1871.

Nach dem Ende des deutsch-französischen Krieges von 1870/71 wird das Deutsche Kaiserreich ausgerufen. Hier ging der Wunsch nach Einigkeit für fast alle Einwohner in Erfüllung, einige wenige Gebiete wurden jedoch nicht Teil dieses neuen Staates. Der Aufbau dieses Staates hatte schon eine gewisse Ähnlichkeit mit dem des Deutschland von heute, jedoch mit einem gravierenden Unterschied: Die Verfassung beinhaltete keinen Grundrechtsteil.

Machen wir einen weiteren Sprung in der Geschichte: Wir schreiben das Jahr 1919.

Die Weimarer Republik wird gegründet. Hier befinden sich auch erstmals Grundrechte in der Verfassung (Artikel 104 bis 164). Die Wünsche des deutschen Volkes die Hoffmann von Fallersleben in seinem Deutschlandlied erfasst sind als endlich alle erfüllt. Das Deutschlandlied wird mit allen drei Strophen zur Nationalhymne erklärt.

Springen wir ein weiteres Mal: Wir schreiben nun das Jahr 1933.

1933 kommen in Deutschland die Nazis an die Macht und „Einigkeit und Recht und Freiheit“ spielen keine Rolle mehr, die Nationalhymne besteht nun aus der ersten Strophe des Deutschlandliedes gefolgt vom „Horst-Wessel-Lied“. Dieser Zustand hält bis 1945 an.

Wir springen noch einmal: Wir befinden uns nun im Jahr 1949.

am 23. Mai wird die Bundesrepublik Deutschland gegründet, sie besteht aus den drei Besatzungszonen der USA, Großbritannien und Frankreich. Die Grundrechte und Freiheiten befinden sich nun ganz am Anfang der Verfassung in den Artikeln eins bis neunzehn. Was aber nun wieder fehlt ist die Einigkeit. Deutschland ist nach dem zweiten Weltkrieg in zwei Teile geteilt, Ost- und Westdeutschland, beziehungsweise DDR und BRD. Diese Trennung wird bis ins Jahr 1990 anhalten und auch der Wunsch nach Einigkeit wird erst dann erfüllt. Für die Bürger der DDR auch dann erst der Wunsch der Bürger nach Recht und Freiheit *).

Springen wir ein letztes Mal: Wir sind nun im Jahr 1989.

Bei den so genannten „Montagsdemonstrationen“ gehen in der DDR tausende Bürger auf die Straßen und fordern mehr Freiheiten und Rechte. Zu den Höhepunkten der Demos sind mehr als 320.000 Menschen auf den Straßen. Am 9. November 1989 fällt in Berlin endlich die Mauer und am 3. Oktober 1990 wird die Wiedervereinigung vollzogen.

Deutschland ist wieder eins, und die Verfassung garantiert Rechte und Freiheiten. Ende gut alles gut könnte man meinen. Aber mehr als meinen auch nicht. Die Einigkeit existiert nur auf dem Papier. Bis heute existiert die Berliner Mauer in vielen Köpfen weiter, viele würden sie sogar gerne wieder aufbauen, weil sie glauben, dann würde alles wieder besser. Grundrechte und Freiheit scheinen heute vielen Bürgern auch immer unwichtiger zu werden. Neue Gesetze die angeblich für mehr Sicherheit sorgen sollen schränken die Grundrechte stark ein, und was passiert? Dem deutschen Michel ist es egal. Er steht zwar im Fußballstadion oder nimmt an Schützenfesten teil und singt auch „Einigkeit und Recht und Freiheit…“, aber ich habe den Eindruck er weiß gar nicht, was er da wirklich singt. „Die Nationalhymne halt.“ Das aber diese Hymne die Wünsche und Hoffnungen vieler Generationen, je nach Alter auch seiner eigenen, beinhaltet scheint er nicht zu wissen. Dabei sind diese Wünsche und Hoffnungen Bestandteil unserer Geschichte und in gewisser Hinsicht auch die Säulen auf denen unser Staat aufgebaut ist, beziehungsweise es war und ist das Bestreben des deutschen Staates diese drei Sachen, Einigkeit und Recht und Freiheit zu erreichen und zu erhalten. In letzter Zeit konnten wir immer wieder Angriffe von einzelnen Politikern auf diese Säulen unseres Staates erleben, und dem deutschen Michel – egal ob aus ost oder west – war es egal. Ich frage mich warum? Haben diese Begriffe heute keinen Wert mehr? Sind sie überholt? Gehören sie aufs Abstellgleis? Ich hoffe, dass dem nicht so ist, und sich das deutsche Volk wieder mehr auf diese Werte besinnt und für sie eintritt, denn sonst ist es vielleicht irgendwann zu spät, weil sie irgendwann zwischen Halbzeitpause und Elfmeterschießen abgeschafft wurden.

*sicher, in der DDR hatten die Bürger auch Rechte und Freiheiten, aber diese waren eingeschränkt. Es gab unter andrem Zensur in den Medien und bei Büchern, und wer seine Meinung frei äußerte konnte auch schnell Probleme bekommen.

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